Künstliches Herzbeutel-Gewebe aus dem 3D-Drucker
© AdjuCor GmbH Als erste Anwendung des Perikard-Ersatzmaterials soll eine neuartige Oberfläche für ein extravaskuläres Herzunterstützungssystem mittels 3D-Druck hergestellt werden.
Neuartige Polymere sollen es künftig ermöglichen, künstlichen elastischen Gewebeersatz für Perikard, Herzklappen oder Blutgefäße individuell anzufertigen. In dem Projekt PolyKARD werden biomimetische Polymere entwickelt, die mechanische Eigenschaften des Herzbeutel-Gewebes nachahmen können. Mittels 3D-Druck und Elektrospinning sollen daraus maßgeschneiderte Implantate hergestellt werden. Zusätzlich soll erstmalig ein 3D-Drucker entwickelt werden, der Medizinprodukte der Klasse III herstellen kann. Die PolyKARD-Partner – AdjuCor GmbH, das Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP, das NMI Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut, die Young Optics Europe GmbH und die pro3dure medical GmbH ̶ wollen die Herstellung der Implantate bis zu ersten klinischen Studien, voraussichtlich in 2022, vorantreiben.
Herzleiden gehören zu einer der häufigsten Todesursachen. Weltweit leiden rund 23 Millionen Menschen an Herzschwäche ̶ Tendenz steigend. Dem gegenüber stagniert die Zahl der Herztransplantationen bei ca. 3000 Transplantationen pro Jahr weltweit. Künstlich hergestellte Implantate könnten vielen Betroffenen helfen, die auf ein Spenderorgan warten. Der 3D-Druck von passgenauen Implantaten ist in der Medizin nicht mehr wegzudenken, etwa in der Orthopädie oder der Zahnchirurgie. Bei Implantaten, die elastisches Gewebe ersetzen sollen, ist der Forschungsbedarf jedoch deutlich größer, denn die Anforderungen an die Materialien sind hoch: sie müssen ihre mechanischen Eigenschaften über viele Jahre hinweg erhalten, hundertprozentig beständig und biokompatibel sein und dürfen keine Abstoßungsreaktionen des Immunsystems hervorrufen. Letzteres ist vor allem bei Materialien wichtig, die permanent mit dem Körper in Kontakt sind.
Neue Polymere für moderne Drucktechnologien und individuelle Medizintechnik
Im Rahmen des Projektes PolyKARD werden biomimetische Polymere
entwickelt, die die biologischen und mechanischen Materialeigenschaften
des Herzbeutels, auch Perikard genannt, nachahmen sollen. Das Perikard
ist eine kollagenhaltige und mechanisch enorm stabile Struktur, die das
Herz umgibt. Klinisch wird das Perikard von Rindern oder Schweinen
bereits als Ersatz für menschliche Herzklappen oder zur Rekonstruktion
von Blutgefäßen verwendet. Doch die Aufarbeitung des tierischen Gewebes
ist teuer und gewährleistet mechanisch keine Langzeitstabilität.
Problematisch sind zudem die unzuverlässige Qualität aufgrund der großen
Variabilität zwischen den Spendertieren sowie ethische und religiöse
Aspekte.
»In dem Projekt entwickeln wir biomimetische
Perikard-Ersatzmaterialien, die beispielsweise für künstliche
Herzbeutel, Herzklappen, Blutgefäße, Stents, Sehnen oder
Septumverschlüsse eingesetzt werden können. Das Besondere daran ist,
dass die Implantate aus Photopolymeren bestehen und individuell im
3D-Drucker oder mittels Elektrospinning hergestellt werden können. Die
Monomere werden dafür als Tinten, bzw. Harze entwickelt. Sie
polymerisieren erst, wenn sie mit UV-Licht bestrahlt werden«, erklärt
Dr. Wolfdietrich Meyer, der das Projekt am Fraunhofer IAP in Potsdam
leitet. Das Forscherteam am Fraunhofer IAP synthetisiert dafür ein
photovernetzbares Material, das aus unterschiedlichen
Polyurethansegmenten sowie Kollagenanteilen besteht.
Elastisch, biokompatibel und beständig
Die neu synthetisierten Polymere werden am NMI in Reutlingen nach DIN EN ISO 10993-5 auf in vitro-Zytotoxizität
untersucht. Bei der Verarbeitung der Polymere kommen einerseits
verschiedene, 3D-Druck-Fertigungsverfahren zum Einsatz, andererseits
wird das sogenannte Elektrospinning eingesetzt. Am NMI entstehen mit
Hilfe dieses Spinnverfahrens poröse Strukturen, die mit dem
körpereigenen Gewebe des Patienten verwachsen können. Die hergestellten
Trägersubstrate werden hinsichtlich ihrer mechanischen und biologischen
Eigenschaften charakterisiert. Ein besonderer Fokus wird hierbei auf die
Nachbildung der mechanischen Eigenschaften des Perikards sowie auf das
Anwachsverhalten von Zellen gelegt.
Als erste Anwendung des biomimetischen Polymers soll eine neuartige
Oberfläche für ein extravaskuläres Herzunterstützungssystem gedruckt
werden. Das System der Münchner AdjuCor GmbH basiert auf einem
patientenspezifischen, mechanischen Implantat, welches vollständig
außerhalb des Blutstroms (extravaskulär) in der Perikardhöhle um die
epikardiale Oberfläche beider Herzkammern positioniert wird. »Ein
biomimetisches Perikard-Ersatzmaterial würde nur geringe Immunreaktionen
verursachen und würde somit zu einer schonenden Heilungsphase führen.
Hierdurch können Intensiv- und Krankenhausaufenthalte weiter verkürzt
werden«, erklärt Herzchirurg und CEO von AdjuCor Prof. Stephen Wildhirt.
Auf dem Weg zur Marktreife
Um künftig auf dem Markt für klinische Anwendungen zugelassen zu
werden, müssen sowohl die neuen Photopolymere als auch die
Verarbeitungsverfahren umfangreiche Auflagen erfüllen. Für die
großtechnische Herstellung der Photopolymere müssen die GMP-Richtlinien
(englisch Good Manufacturing Practice, kurz GMP) eingehalten werden. Sie
sichern die Qualität der Produktionsabläufe und -umgebung. Die Firma
pro3dure medical GmbH Iserlohn wird den Upscaling-Prozess der
Photopolymere sowie die Harzsynthese unter Berücksichtigung dieser GMP
etablieren.
Die Young Optics Europe GmbH in Jena verarbeitet mit den von ihnen
entwickelten 3D-Druckern bisher biokompatible Photopolymere für Produkte
der Medizinklassen I – IIa. Im Rahmen des Projekts PolyKARD soll
erstmals ein 3D-Drucksystem zur Herstellung von Medizinprodukten der
Klasse III etabliert werden, welches zudem eine vollständige
Rückverfolgbarkeit der für die Herstellung eingesetzten Rohmaterialien
ermöglicht.
Mit ganzheitlicher Chemie zu neuen Materialien
Das dreijährige Projekt PolyKARD startete im April 2019 und wird vom
VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. als Projektträger, im Auftrag des
BMBF im Rahmen der Fördermaßnahme »Materialinnovationen für gesundes
Leben: ProMatLeben – Polymere« unterstützt (FKZ: 13XP5087D). Am 4.
Februar 2020 treffen sich die Partner erneut, um erste Meilensteine
vorzustellen. » Wir konnten bereits erste elastische Photourethanharze
aus nicht toxischen Ausgangsmaterialien erfolgreich synthetisieren und
drucken«, erklärt Wolfdietrich Meyer.
»In Zukunft möchten wir das medizinische Konzept der Ganzheitlichkeit
noch stärker bei unserer Chemie verwirklichen. Wir wollen mehr
Materialien auf Basis nachwachsender Rohstoffe für den 3D-Druck und das
Elektrospinning entwickeln, die biokompatibel sind und sich in höchster
Präzision verarbeiten lassen. Auch den Lebenszyklus des Bauteils und
gegebenenfalls eine umweltverträgliche Entsorgung behalten wir dabei im
Blick«, so Meyer.
Steckbrief zum Projekt PolyKARD
Projekt:
»Synthese eines biomimetischen Perikard Polymers für kardiale Anwendungen« (PolyKARD)
Förderung:
BMBF | Materialinnovationen für gesundes Leben: ProMatLeben – Polymere
Projektträger:
VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V.
Laufzeit:
03.2019 – 02.2022
Förderkennzeichen:
13XP5087D
Partner:
AdjuCor GmbH | München, Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP | Potsdam, NMI Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut | Reutlingen, Young Optics Europe GmbH | Jena, pro3dure medical GmbH | Iserlohn