Carbonfaser der Zukunft
FH Aachen | Dr. Christoph Schopp
Forschung am Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnik bringt neue Mikrowellenplasma-Technik hervor. Carbonfasern können damit deutlich effizienter hergestellt werden.
Schwarz glänzende Fasern ineinander gewoben und in spezialisiertem Kunstharz fixiert – so ist kohlenstofffaserverstärkter Kunststoff (CFK) als Werkstoff für Fahrradrahmen, Fahrzeugteile oder Schutzbekleidung aus dem Alltag bekannt. Das umgangssprachlich als Carbon bezeichnete Material vereint leichtes Gewicht mit enormer Belastbarkeit, dementsprechend steigt die Nachfrage stetig an.
Kohlenstofffasern herzustellen ist jedoch mit einem hohen Energieverbrauch und Zeitaufwand verbunden, was es teuer macht. Prof. Dr. Holger Heuermann, Leiter des Instituts für Mikrowellen- und Plasmatechnik (IMP) der FH Aachen, und Dr. Christoph Schopp, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IMP, haben nun eine Methode entwickelt, die den Herstellungsprozess von Kohlenstofffasern beschleunigt, den Energieaufwand deutlich reduziert und folglich Kosten senkt. Ein freistehendes Plasma macht hierbei den Unterschied.
Aufwändige Herstellung von Kohlenstofffasern
Die Kohlenstofffasern als Grundmaterial für Carbon werden in der Regel aus Polyacrylnitril (PAN) hergestellt. Dieser Prozess unterteilt sich in
zwei Phasen: die Stabilisierung der Fasern und die anschließende
Carbonisierung. Bei der Stabilisierung werden die PAN-Fasern aktuell
Millimeter für Millimeter durch einen gewaltigen, rund 30 Meter langen
Industrieofen geführt. Dort werden sie bei ca. 300 Grad Celsius 60
Minuten lang erhitzt. Für diesen Vorgang ist eine enorme Menge an
Energie nötig. Auch die Kosten für das große Gebäude, das den Ofen
beherbergen muss, sind sehr hoch. Diese Stabilisierungsphase kann jetzt
mittels freistehenden Plasmas stark optimiert werden.
Durchbruch in der Plasmaforschung
Im Verlauf der Forschung gab es Versuche, die Oberfläche des PAN mit einem Plasma-Strahl zu behandeln. „Genug Hitze konnten wir dabei
problemlos erzeugen, allerdings wurde sie durch das strahlförmige Plasma
zwangsläufig zu punktuell in das Material eingebracht. Die Fasern sind
einfach durchgebrannt“, so Christoph Schopp. Bisher war künstlich
erzeugtes Plasma an eine Komponente wie beispielsweise eine Elektrode
gebunden. Jetzt ist den Forschern ein Durchbruch gelungen: „Wir haben es
geschafft, das Plasma von der Elektrode zu entkoppeln und können es
sogar frei nach unseren Wünschen formen“, so Prof. Heuermann. Entstanden
ist ein Plasma mit zylindrischer Ausdehnung, das losgelöst von
plasmabildenden Elementen steht. Dieses freistehende Plasma konnten die
Forscher in einem neuartigen Apparat als Werkzeug nutzbar machen. Die
PAN-Fasern können nun ohne direkte Berührung durch das Plasma
hindurchgeführt werden, wodurch die Hitze gleichmäßig auf die Fasern
abstrahlt – diese brennen nicht mehr durch und können kontrolliert
stabilisiert werden.
80 Prozent weniger Energie im Stabilisierungsprozess
„Die Optimierung der Prozessparameter ist erstaunlich“, unterstreicht Christoph Schopp. Bei Anwendung der neuen Methode durchläuft das PAN den
Ofen nun mit einer Geschwindigkeit von einem Millimeter pro Sekunde –
das ergibt eine Gesamtverweildauer von nur sieben Minuten anstatt der
vorigen 60 Minuten, um die Stabilisierung vollständig zu erreichen. Der
Energieverbrauch der Stabilisierungsphase reduziert sich um 80 Prozent.
Die Produktionsstrecke ist außerdem nur noch rund vier Meter lang.
Dieses Ergebnis können die Forscher sogar noch weiterentwickeln und in einen zusätzlich optimierten, industriell nutzbaren Aufbau überführen. 16 der neuartigen Plasma-Apparate werden dafür parallel in einer 4x4-Matrix positioniert. Hierdurch reduziert sich die Verweildauer im Ofen weiter auf sechs Minuten, und die Forscher sind optimistisch, dass eine weitere Optimierung auf minimal vier Minuten möglich ist.
Der gesamte Herstellungsprozess samt Stabilisierungs- und anschließender Carbonisierungsphase kann bei Nutzung der neuen Technik eine Energiereduktion um 60 Prozent verzeichnen. „Mit einer großflächigen Implementierung der neuen Plasmatechnik könnte die Carbonherstellung wieder zurück nach Europa gebracht werden“, ist sich Christoph Schopp sicher. Bald bestünde die Möglichkeit, durch die effizientere Produktion auch die Automobil- und Luftfahrtbranche noch stärker auf kohlenstofffaserverstärkte Bauteile umzustellen – Autos und Flugzeuge würden leichter werden und deren Nutzung dadurch umweltfreundlicher. Gemeinsam mit ihren Projektpartner:innen arbeiten die Forscher der FH Aachen deshalb weiter an der Prozessoptimierung. Ein nächster Schritt wäre der Bau eines einsatzfähigen Ofens, der die neue Plasmatechnik nutzt, damit die industrielle Pilotphase starten kann.
Zwei Milliarden unsichtbare Schwingungen pro Sekunde
Um die Wirkung von Plasma im Stabilisierungsprozess der Kohlenstofffaser-Herstellung besser zu verstehen, lohnt sich ein Blick
auf die grundlegenden physikalischen Zusammenhänge. Grob gesagt handelt
es sich bei Plasma um einen vierten Aggregatzustand. So wie Eis bei
Energiezugabe schmilzt und schließlich von Wasser zu Gas wird, entsteht
Plasma, sobald einem Gas noch mehr Energie zugeführt wird. Plasma spielt
im Alltag eine wichtige, aber oft unbemerkte Rolle. Unsere Sonne sowie
Blitze sind Plasma in seiner natürlichen Form. Verfahren zur
Oberflächenbehandlung, Neonröhren oder Schweißverfahren nutzen
kontrolliertes Plasma. „Noch hat Plasma in der Forschung ein
Nischendasein, obwohl es mit seiner hohen Energiedichte ein großes
Potenzial für industrielle Nutzung mitbringt“, sagt Prof. Heuermann. Die
beiden Forscher des Fachbereichs Elektrotechnik und Informationstechnik
haben für ihre neue Entwicklung ein Mikrowellenplasma genutzt. Hierbei
handelt es sich um Plasma, das durch elektromagnetische Wellen im
Gigahertzbereich aufrechterhalten wird – das sind rund zwei Milliarden
unsichtbare Schwingungen pro Sekunde.
Projektpartner
Das Forschungsprojekt wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Ulm, der DIENES Apparatebau GmbH sowie Fricke und Mallah Microwave Technology
GmbH durchgeführt. Gefördert wurde das Projekt durch die Deutsche
Bundesstiftung Umwelt (DBU).