Cybersecurity für Neurotechnologien
Die Arbeitsgruppe von Christian Klaes ist Teil des Projektkonsortiums. © RUB, Kramer
Neurotechnologien wie Gehirn-Computer-Schnittstellen und neuromodulatorische Implantate haben sich rasant entwickelt. Was lange als Science-Fiction galt, findet heute Anwendung in der medizinischen Therapie – von der Wiederherstellung motorischer Funktionen bis hin zur Behandlung neurologischer Erkrankungen. Damit wächst jedoch auch eine bislang unterschätzte Herausforderung: die Cybersicherheit neurotechnologischer Systeme. Das Forschungsprojekt BrainGuard entwickelt neuartige Sicherheitskonzepte zum Schutz sensibler neuronaler Daten und vor Manipulationen. Es wird für drei Jahre im EFRE-Programm vom Land Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union gefördert. Beteiligt sind die Arbeitsgruppen der Ruhr-Universität Bochum um Projektleiter Prof. Dr. Christian Klaes und Prof. Dr. Christian Zenger sowie die Firmen PHYSEC und snap Discovery aus Bochum.
Neue Angriffsflächen durch digitale Medizin
Brain-Computer Interfaces, kurz BCI, und neuromodulatorische Systeme lesen neuronale Signale aus und greifen teilweise direkt durch
elektrische Stimulation in Gehirnprozesse ein. Diese Eigenschaften
machen sie therapeutisch äußerst wirkungsvoll, zugleich aber anfällig
für neuartige Cyberangriffe. „Je enger solche Geräte mit dem
Nervensystem interagieren, desto größer sind die potenziellen Risiken
bei unzureichender Absicherung“, sagt Christian Klaes, Leiter der
Arbeitsgruppe Neurotechnologie der Ruhr-Universität Bochum. „Unbefugter
Zugriff könnte nicht nur hochsensible Informationen über Gedanken,
Emotionen oder Intentionen offenlegen, sondern im schlimmsten Fall auch
körperliche oder mentale Zustände beeinflussen.“ Besonders bei
implantierten Systemen wie der Tiefenhirnstimulation sind die möglichen
Folgen gravierend.
Neuro-Cybersecurity als neues Forschungsfeld
Im Mittelpunkt von BrainGuard steht daher der Aufbau eines systematischen Neuro-Cybersecurity-Ansatzes. Dieser verbindet
technische, regulatorische und ethische Perspektiven und trägt der
besonderen Sensibilität neuronaler Daten Rechnung. Das Projekt verfolgt
dabei ein mehrstufiges Sicherheitskonzept: von der neuronalen
Identifikation und Autorisierung über den datenschutzfreundlichen Umgang
mit neuronalen Signalen bis hin zu umfassenden Schutzmaßnahmen gegen
Cyberangriffe auf Hard- und Softwareebene.
„Ein besonderer Fokus liegt auf der Frage, wie neuronale Daten so verarbeitet werden können, dass ausschließlich die für eine medizinische Anwendung notwendigen Informationen genutzt werden – ohne unbeabsichtigt zusätzliche, hochpersönliche Inhalte preiszugeben“, erklärt Christian Zenger, Leiter der Arbeitsgruppe Secure Mobile Networking. Gleichzeitig werden neue Verschlüsselungs-, Authentifizierungs- und Monitoring-Verfahren entwickelt, die speziell auf implantierbare und vernetzte neurotechnologische Systeme zugeschnitten sind.
Regulatorische Verantwortung und gesellschaftliche Relevanz
Das Projekt reagiert auch auf bestehende regulatorische Unsicherheiten. Aktuelle gesetzliche Rahmenwerke sind häufig nicht spezifisch genug, um
den Schutz neuronaler Integrität, mentaler Privatsphäre und
individueller Autonomie angemessen zu berücksichtigen. BrainGuard
leistet hier einen wichtigen Beitrag, indem es wissenschaftliche
Grundlagen für zukünftige Standards und Richtlinien schafft und das
Bewusstsein für Neuro-Cybersecurity stärkt.
Sicherheit als Voraussetzung für Innovation
Mit BrainGuard wird ein zentraler Baustein für die verantwortungsvolle Weiterentwicklung der Neurotechnologie gelegt. „Nur wenn Sicherheit,
Datenschutz und ethische Aspekte von Anfang an mitgedacht werden, kann
das enorme Potenzial dieser Technologien langfristig und zum Wohle der
Gesellschaft genutzt werden“, so Klaes. Angesichts eines stark
wachsenden globalen Marktes unterstreicht BrainGuard die Dringlichkeit,
Neurotechnologien nicht nur leistungsfähig, sondern auch sicher und
vertrauenswürdig zu gestalten.
