Chance für Industrie: Start-up entwickelt Technologie für Mehrwegverpackungen in B2B-Arealen
Egal ob Flughäfen, Messen, Festivals oder Shopping Malls – überall wo viele Menschen aufeinandertreffen, entsteht Konsum und damit wachsende Berge aus Verpackungsmüll, die zum überwiegenden Teil aus Polymeren bestehen. Den größten Anteil daran haben Wegwerf-Verpackungen wie Kaffeebecher, Fast Food Schalen oder Einmal-Besteck.
2019 hat das europäische Parlament beschlossen, den Kampf gegen die Wegwerfmentalität aufzunehmen und Ressourcen-Verschwendung bei Produktion und Entsorgung von Verpackungen deutlich einzuschränken. Vor allem durch die Einführung der „Plastiksteuer“ und das schrittweise Verbot bestimmter „To-Go“ Verpackungen für Speisen und Getränke. Ab 2023 sind in der EU alle Anbieter von Dienstleistungen im B2C Nahrungsmittelverkauf – insbesondere Systemgastronomien – verpflichtet, ihren Kunden mindestens ein nachhaltiges Mehrwegsystem anzubieten.
Auslöser war der wachsende Druck durch Gesellschaft und Medien, ökologische Standards gegenüber ökonomischen Interessen zu priorisieren: Eine wachsende Zahl von Konsumenten ist nicht mehr bereit, Teil der bisherigen „Wegwerfgesellschaft“ zu sein. Sie verlangen von Unternehmen, die an der Wertschöpfungskette dieser Industrie beteiligt sind, konstruktive Lösungen. Ansonsten droht ein organisierter Boykott jener Unternehmen, die sich nicht rechtzeitig an den neuen Zeitgeist anpassen und ihr Angebot entsprechend verändern. Organisationen wie „Fridays for Future“ sind neben den etablierten Umweltverbänden die sichtbare Manifestation für den gesellschaftlichen Wandel und den daraus entstehenden Druck auf die beteiligten Akteure aus Politik, Wirtschaft und Industrie. Dabei spielen Chemieunternehmen eine zentrale Rolle, da sie als Polymer-Hersteller am Anfang der Kette stehen. Dies ist Herausforderung und Chance zugleich!
Der Wandel stellt die betroffenen Unternehmen vor große Herausforderungen, da ein funktionierendes Mehrwegsystem für den Verbraucher möglichst einfach nutzbar, gleichzeitig aber für den Gastronom ökonomisch darstellbar sein muss, um sich am Markt durchzusetzen. Um genau diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen, arbeitet das Berliner Startup „1Less“ seit 2019 daran, durch Automatisierung und Digitalisierung den gesamten Prozess der Integration von Mehrwegsystemen in großvolumige B2B-Areale zu revolutionieren. Das geschieht durch die Integration eines Kreislaufsystems in die vorhandene Abfallmanagement-Logistik. Der Schlüssel besteht darin, die Hürden für die Nutzung eines solchen Systems für beide Seiten – Konsument und Unternehmen – gegenüber herkömmlichen Mehrweglösungen radikal zu vereinfachen, indem komplett auf Pfand verzichtet wird. Bei nahezu 100 Prozent Rücklaufquote.
Herzstück des weltweit zum Patent angemeldeten Systems sind smarte Sammelbehälter, die die bisherigen, „dummen“ Abfallbehälter in B2B Arealen ersetzen und automatisch beim Einwurf Mehrwegverpackungen von Restmüll trennen. Der Kreislauf funktioniert denkbar einfach: An allen bestehenden Catering Stationen werden Speisen und Getränke in Mehrwegverpackungen verkauft – ohne Pfand, welches den Konsumenten bisher zwingt, sich nach dem Verzehr selber um Abgabe des Geschirrs und die Rückgabe des Pfands zu kümmern. Stattdessen entsorgen die Nutzer das gebrauchte Geschirr einfach in einem der überall verfügbaren Müllbehälter – intuitiv und ohne Zeitverlust. Die 1Less Behälter trennen durch integrierte RFID-Technologie sämtliche Einwürfe in Restmüll und Mehrweg. Je nach Füllstand melden die Behälter über eine App den Servicekräften, dass eine Leerung nötig ist. Das System führt das Personal per optimierter Wegfindung sogar gezielt zu den betreffenden Behältern, was Redundanz vermeidet und Personalkosten spart. Der Abfall geht wie bisher zur externen Verwertung, das Mehrweggeschirr wird vom Personal in die Catering-Area transportiert, industriell gewaschen und an den point-of-sale retourniert – der Kreislauf beginnt erneut. Alternativ übernehmen externe Anbieter die Reinigung. Das Ganze wird durch eine IoT Plattform gesteuert und hat durch kurze Transportwege einen minimalen CO2-Footprint. Zusätzlich sammeln die vernetzten Behälter samt Geschirr DSGVO-konform wertvolle Daten, die mittels KI ausgewertet werden, um den B2B Kunden Optimierungsvorschläge für den Verkaufsprozess oder die Routenplanung zu geben.
Technisch basiert das System auf einer Kombination aus im Geschirr integrierten RFID-Tags, Scannern in den Müllbehältern, einem Sensor-Array zur Erkennung von Einwurfaktionen, Füllständen, Akkulaufzeiten, einer Datenanbindung und robusten Mechanik für den Sortiervorgang.
Das System ist bis ins Detail auf Nachhaltigkeit ausgerichtet, selbst die integrierten RFID-Tags können vor dem Recycling entfernt und in einer neuen Verpackung wiederverwendet werden, um so Elektroschrott zu vermeiden.
Die Wahl des Materials für das Geschirr fiel nach Beratung durch das Fraunhofer Institut Bremen ganz bewusst auf ein (Bio)Polymer, da dieses Material – im Gegensatz zu Alternativen wie Glas oder Metall – leicht, stabil und in der Produktion mit vergleichsweise wenig Energieaufwand in Masse zu fertigen ist. Polymere sind nicht per se „schlecht“, das Zauberwort lautet auch hier „Mehrweg“! In Kreislaufsystemen könnten Verpackungen aus Kunststoff sogar eine Renaissance erleben, wenn dem Verbraucher klar wird, das es sich um einen wertvollen Rohstoff handelt, welcher nur durch unsere bisherige, falsche Kurzzeit-Nutzung zu einem globalen Problem geworden ist.
Für die Zukunft sind weitere Einsatzszenarien geplant, darunter Farbeimer in Baumärkten oder Frische-Theken im Einzelhandel. Tests mit Partnern wie der Messe Berlin sind für Anfang 2022 geplant, die Serienfertigung beginnt im Sommer.
1Less GmbH
Circular-Economy-Bereich
- Re-Think
- Reduce
- Re-Use
- Recycle
Innovative Technologien/Service
- Automatisierte Sammlung und Trennung von Verpackungen ohne Pfand
- Integration von Kreislaufsystemen in bestehendes Abfallmanagement
- Optimierte Logistik mittels digitaler IoT Plattform
Adressierter Werkstoff
- Polymere
Impact
- Reduzierung globaler Plastikabfälle
- Kontaktlos, daher optimal in Pandemiezeiten
- Reduzierung von CO2 durch kurze Transportwege und Einsparung von Rohstoffen und Energie im Produktionsprozess
Abbildungen
Abbildung 1: Das 1Less-System aus speziellem Mehrweg-Besteck
und Geschirr, kombiniert mit einem smarten Mülleimer.
Abbildung 2: Die Gründer von 1Less (v.l.n.r.): Sven Hermann,
Boris Jebsen und Gérald Lamusse