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Zukunft im Blick: Wehrtechnische Vorausschau für die Bundeswehr

Wie kann man heute schon wissen, welche Technologien in 30 Jahren für die Sicherheit Deutschlands entscheidend sein werden?

Das strategische Umfeld der Sicherheits- und Verteidigungspolitik ist im Wandel. Disruptive Technologien wie Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien oder neue Werkstoffe entstehen mit hoher Dynamik. Für die Bundeswehr stellt sich die Herausforderung, langfristig handlungsfähig zu bleiben – technologisch wie operativ. Eine fundierte Technologievorausschau kann helfen, relevante Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und in operative Entscheidungen zu überführen.

Am Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen INT mit Sitz in Euskirchen (ab dem 01. Januar 2026 Fraunhofer-Institut für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie FKIE) wird genau das geleistet: In einem systematisch aufgebauten Verfahren werden zukünftige technologische Entwicklungen mit Relevanz für sicherheits- und verteidigungsrelevante Anwendungen – im Rahmen des Geschäftsfelds „Wehrtechnische ­Zukunftsanalyse“ analysiert. Das Hauptprodukt ist dabei die Wehrtechnische Vorausschau (WTV) – ein zyklisch erstelltes Analyseformat, das auf Grundlage aktueller Erkenntnisse zu wissenschaftlichem Fortschritt und internationaler Forschungsdynamik einzelne Technologiethemen insbesondere im Hinblick auf die wehrtechnische Bedeutung bewertet und Handlungsbedarfe identifiziert.

Die Arbeit beginnt mit einem systematischen Technologiescanning und -monitoring, das am Fraunhofer INT als „360°-Technologie-Radar“ bezeichnet wird. Ein interdisziplinäres Forschungsteam mit natur- und ingenieurwissenschaftlichem Hintergrund beobachtet dazu kontinuierlich öffentlich zugängliche Schlüsselquellen – darunter wissenschaftliche Publikationen, wehrtechnische Fachliteratur und relevante Konferenzen – mit dem Ziel, technologische Entwicklungen mit potenzieller Relevanz für die Wehrtechnik frühzeitig zu identifizieren.

Die Besonderheit dieses Vorgehens liegt in der offenen, kontinuierlichen Beobachtung: Jedes Teammitglied begleitet langfristig die technologische Entwicklung in einem abgegrenzten wissenschaftlichen Fachgebiet. Aus dieser strukturierten, themenoffenen Analyse entstehen sogenannte Innovationskandidaten – technologische Ansätze mit potenzieller Bedeutung für künftige wehrtechnische Anwendungen. Diese werden zunächst qualitativ bewertet, im internen Wissens­management dokumentiert und fortlaufend beobachtet.

Ergänzt wird diese qualitative Recherche zunehmend durch datenbasierte Verfahren: Steigende Publikationsraten, neue Anwendungskontexte oder gezielte Förderinitiativen liefern Indikatoren für technologische Entwicklungen. Zur systematischen Auswertung der wachsenden Datenmengen wurde am Fraunhofer INT das Assistenz-system KATI® (Knowledge Analytics for Technology and Innovation) entwickelt. Aufbauend auf langjähriger bibliometrischer Erfahrung unterstützt KATI® die Identifikation und Bewertung technologischer Trends durch eine strukturierte, quantitative Analyse von Publikations- und Patentdaten und trägt so wesentlich zur Früherkennung relevanter Technologien bei.

Jährlich werden aus dieser Vorarbeit Themenkandidaten abgeleitet, die gemeinsam mit dem Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) und dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) priorisiert werden. Daraus entsteht eine strukturierte Themenagenda, die über das Jahr hinweg quartalsweise bearbeitet und im Intranet der Bundeswehr zugänglich gemacht wird.

In den ersten drei Quartalen liegt der WTV-Fokus auf technologiegetriebenen, thematisch möglichst breit gestreuten Analysen. Hier geht es u. a. um die Bewertung der technologischen Reife, mögliche wehrtechnische Anwendungen, das Bedrohungspotenzial sowie relevante nationale und internationale Akteure. Im vierten Quartal erfolgt dann eine „Reverse-Perspektive“: Visionäre, futuristische Systemkonzepte werden auf ihre potenzielle technische Realisierbarkeit in der Zukunft hin untersucht. Dabei wird abgeschätzt, wann und unter welchen Bedingungen diese Systemkonzepte umsetzbar wären.

So wurden etwa im Jahr 2024 im Rahmen der Wehrtechnischen Vorausschau insgesamt neun Einzelthemen aus unterschiedlichsten Technologiebereichen analysiert. Die Bandbreite reichte dabei von grundlagenorientierter Forschung bis hin zu anwendungsnahen Systemtechnologien. Untersucht wurden unter anderem mechanische Metamaterialien – Werkstoffe mit ungewöhnlichem Verhalten unter mechanischer Belastung, ­z. B. zur Leistungssteigerung passiver Panzerung. Daneben rückte auch die quantenunterstützte Kommunikation in den Fokus, bei der durch Quantenphänomene eine höhere Effizienz bei geringerer Aufklärbarkeit erzielt werden kann. Ein weiteres Beispiel ist die Analyse der impliziten Koordination von unbemannten Systemen, die die für eine Missionserfüllung notwendigen Informationen selbst durch eine sensorische Erfassung der Umgebung ableiten können. Dadurch ermöglichen sie flexiblere Einsatzszenarien bei höherer Störungsresilienz.

Die Analysen fließen nicht nur in nationale Forschung und Technologie (F&T)-Strategien ein, sondern werden auch im internationalen Austausch bewertet und gespiegelt. Das Fraunhofer INT ist dazu u. a. in NATO-Gremien wie der Strategic Foresight Analysis und dem Science-for-Peace-and-Security-Programm sowie in der European Defence Agency aktiv. Durch diese Netzwerke gelingt es, die nationale Perspektive mit internationalen Trends abzugleichen, Synergien zu identifizieren und Qualitätssicherung im globalen Kontext zu betreiben.

Die Wehrtechnische Vorausschau leistet so einen bedeutenden Beitrag zur gesamtstaatlichen Technologiestrategie: Sie schafft Transparenz über technologische Entwicklungen, ermöglicht frühzeitige Weichenstellungen für Forschung und Entwicklung und unterstützt faktenbasierte Entscheidungen zur Ausrüstung der Bundeswehr.

Wehrtechnische Vorausschau

Technologische Basis

  • Interdisziplinär
  • Kombination qualitativer mit quantitativen Methoden
  • Internationale Benchmarking-Prozesse

Innovation

  • Kontinuierliche Zukunftsanalyse
  • Datenbasierte Analysewerkzeuge (KATI®)
  • Vorausschau auf visionäre Systemkonzepte

Primäre Anwendungsfelder

  • Unterstützung der F&T-Planung des BMVg, BAAINBw
  • Strategische Fähigkeitsentwicklung der Bundeswehr

Vorteile

  • Frühzeitige Erkennung sicherheitsrelevanter Technologien
  • Wissenschaftliche Entscheidungsgrundlagen
  • Nationale und internationale Vernetzung
  • Beitrag zur Technologiesouveränität Deutschlands

https://www.int.fraunhofer.de/de/geschaeftsfelder/wehrtechnische-zukunftsanalyse.html

Abbildung 1: Die Wehrtechnische Vorausschau eine multiperspektivische Technologiefrühaufklärung

Bildergalerie

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