Praxistest bestanden: Haifischhautlack steigert den Stromertrag von Windenergieanlagen
© Fraunhofer IFAM Automatisierte Beschichtung des Riblets-Lacks auf Rotorblättern.
Einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leistet Windstrom. Innerhalb des EU-Projekts »Riblet4Wind« stellte sich ein Team aus sieben Projektpartnern der Herausforderung, die Aerodynamik von Windkraftflügeln effizienter zu gestalten. Ein Ansatz dabei war den Luftwiderstand zu verringern. Im Flugzeugbau wurde gezeigt, dass die am Fraunhofer IFAM entwickelte funktionelle Beschichtung mit mikroskopisch kleinen Rillen – Riblet-Lack genannt – den Luftwiderstand reduziert und Treibstoff einspart. Dieses Know-how haben sich die Wissenschaftler zunutze gemacht und die Technologie an Rotorblätter einer Windkraftanlage angepasst. Die Tests unter realen Bedingungen ergaben vielversprechende Ergebnisse.
Scheinbar ohne großen Kraftaufwand gleiten Haie mit hoher Geschwindigkeit durch das Wasser. Mikroskopisch kleine Rillen auf ihrer Haut verhelfen ihnen zu dieser bemerkenswerten Geschwindigkeit. Dafür verantwortlich ist die reibungsminimierende Eigenschaft dieser Mikrostruktur, die die hydrodynamischen Eigenschaften des Fischkörpers optimiert. Die Wirkung beruht darauf, dass die turbulenten Wirbel, die quer zur Strömungsrichtung laufen, vermindert werden. Die Turbulenzreduzierung an der Grenzschicht führt zur Verringerung des Reibwiderstands. In der Strömungsmechanik macht man sich die Haifisch-Längsrillenstrukturen schon seit einigen Jahren in vielfältiger Weise zunutze.
Funktionsbeschichtung reduziert Strömungswiderstand im Wasser und in der Luft
Um das Prinzip der Haifischhaut auf technische Einsätze zu
übertragen, wurden in den Anfängen vorwiegend geriefte Klebefolien für
Versuchszwecke eingesetzt. Für Anwendungen, bei denen gekrümmte Flächen
beschichtet werden müssen oder es auf eine hohe Dauerhaftigkeit unter
harschen Umweltbedingungen ankommt, ist der Einsatz der Folie jedoch
schwierig. Aus diesem Grund hat das Fraunhofer IFAM eine lacktechnische
Lösung entwickelt, bei der in einem einzigen Arbeitsschritt ein
Lackflüssig aufgetragen, entsprechend fein gerillt strukturiert und
anschließend gehärtet wird. Der strömungstechnische Nutzen dieser
Lackoberflächen wurde in der Vergangenheit für verschiedene
großtechnische Anwendungen, vor allem für die Luftfahrt und für die
Schifffahrt, nachgewiesen. Doch wie verhält sich das System bei
Windkraftanlagen und wie kann es zur Steigerung des Stromertrags sowohl
bei Neuanlagen, als auch nachträglich an Bestandsanlagen aufgebracht
werden?
Automatisierte Beschichtung des Riblet-Lacks auf Rotorblättern
Die bereits im Vorfeld durchgeführten Windkanalversuche zum Einfluss
des Riblet-Lacksystems auf die aerodynamischen Eigenschaften an einem
Modell eines Rotorblatts haben zu erfolgsversprechenden Ergebnissen
hinsichtlich der Leistungssteigerung bei Windenergieanlagen geführt. Auf
Basis dieser Ergebnisse resultierte die Prognose, dass sich durch das
Lacksystem des Fraunhofer IFAM die aerodynamische Qualität der
Rotorblätter signifikant steigern lässt – und zwar ohne zusätzliche
Lasten für die Konstruktion der Windenergieanlage, da die
leistungssteigernde Funktion in das Lacksystem integriert ist.
Im ersten Schritt des Projekts »Riblet4Wind« wurden weitere
umfangreiche Windkanal-Testreihen an einem 2D-Profil mit
Riblet-Strukturen durchgeführt. Es wurde eine signifikante
aerodynamische Effizienzsteigerung von 10% gemessen.
Während der anschließenden Entwicklungsphasen innerhalb des Projekts
hatte jeder Partner für die Anpassung des Riblet-Systems auf die
Großstrukturen der Rotorblätter seine spezielle Aufgabe: Von der bionic
surface technologies GmbH wurde mittels Strömungssimulation und
Windkanaltests die optimale Geometrie für die ausgewählte
Windkraftanlage ermittelt, Ingenieure der Firma Mankiewicz haben das
Lacksystem entwickelt, das Fraunhofer IFAM stellte den Lack-Applikator,
der mit einer für die Rotorblattbeschichtung adaptierten Robotik der
Firma Eltronic zu einem automatisierten Applikationssystem kombiniert
wurde.
Zur Demonstration der Technologie wurde eine bestehende AN
Bonus-Windenergieanlage mit einer Nennleistung von 450 kW und einem
Rotordurchmesser von 37 Metern verwendet. Diese Anlage und eine weitere
Turbine des gleichen Typs stehen in Bremerhaven und werden von der
Muehlhan Deutschland GmbH betrieben. E.ON Climate & Renewables war
federführend bei der Erfassung der Leistungsdaten.
Um die Veränderungen der Leistungscharakteristik beurteilen zu
können, wurden die Windkraftanlagen für einen Zeitraum von zwölf Wochen
im Originalzustand betrieben und die entsprechenden Leistungsdaten
ermittelt. Anschließend wurden die Rotorblätter einer Anlage demontiert
und mit der Riblet-Beschichtung versehen. Hier konnte erstmals der
automatisierte Auftrag des Riblet-Lacks auf ein Großbauteil demonstriert
werden. Nach erfolgter Montage der behandelten Rotorblätter wurde die
Leistungscharakteristik der Anlagen über fünf Monate nach einem
standardisierten Verfahren gemessen. Weiterhin wurden Parameter wie
Verschleiß und Verschmutzung ermittelt.
Obwohl es sich bei den Anlagen um ältere Turbinen (ca. 20 Jahre) mit
entsprechenden Abnutzungserscheinungen handelte, die zudem keine
Rotorblätter mit verstellbarem Anstellwinkel haben, konnte eine
Verbesserung der Leistungscharakteristik durch die Beschichtung gezeigt
werden. Aufgrund außergewöhnlicher Wetterbedingungen, gekennzeichnet
durch größere Zeiträume mit wenig Wind und daraus resultierender großer
Streuung der Messdaten, lässt sich die Verbesserung jedoch nicht mit
Sicherheit quantifizieren. Die Abnutzung der Strukturen war im
betrachteten Zeitraum vernachlässigbar.
Industrielle Reife im Blick
Das Projekt »Riblet4Wind« hat den Nachweis erbracht, dass eine
Riblet-strukturierte Beschichtung automatisiert auf
Windenergie-Rotorblätter aufgebracht werden kann und zu einer
Verbesserung der Leistungscharakteristik führt. Es ist sehr
wahrscheinlich, dass diese Technologie in den nächsten Jahren zur
industriellen Reife gebracht wird und eine flächendeckende Anwendung
findet. Ein sinnvoller nächster Schritt wäre die Demonstration auf einer
dem heutigen Standard entsprechenden Anlage (> 2MW Leistung mit
verstellbaren Rotorblättern), um das wirtschaftliche Potenzial dieser
Technologie weiter quantifizieren zu können.
Projektförderung
Das Projekt »Riblet4Wind« – Riblet-Surfaces for Improvement of
Efficiency of Wind Turbines –, HORIZON2020 Framework programme Grant
Agreement H2020-LCE3-2014, Nr. 657652, startete am 1.6.2015 und endete
am 28.02.2019. Die Projektpartner bionic surface technologies GmbH
(Österreich), CPT Centre de projecció térmica – Universität Barcelona
(Spanien), Eltronic (Dänemark), E.ON Climate & Renewables
(Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland),
Fraunhofer-Institut für Fertigungstechnik und Angewandte
Materialforschung IFAM (Deutschland), Mankiewicz (Deutschland) sowie
Muehlhan A/S (Dänemark) bedanken sich bei der Europäischen Kommission
für die Projektförderung.
Projektpartner
www.bionicsurface.com
www.cptub.com
www.eltronic.dk
www.eon.com
www.ifam.fraunhofer.de
www.mankiewicz.com
www.muehlhan-deutschland.de
Weitere Informationen
www.riblet4wind.eu