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Elektronen (grüne Wolke) und Gitterschwingungen (pinke Wellen) des Kristalls beeinflussen sich gegenseitig. Die goldenen Kugeln stellen die Ceriumatome dar, die hauptsächlich für den Magnetismus in dem untersuchten Kristall verantwortlich sind. Copyright: Petr Čermák / Karls-Universität Prag
Atomkerne und Elektronen in Festkörpernbeeinflussen sich gegenseitig in ihren Bewegungen – und das nicht nur in seltenen Ausnahmefällen, wie bisher angenommen. Das haben Wissenschaftler des Forschungszentrums Jülich und der Technischen Universität München (TUM) bei Messungen am Heinz Maier-Leibnitz Zentrum in Garching herausgefunden. Die Entdeckung geht zurück auf einen Praktikumsversuch im Jahr 2015. Der Effekt könnte für die Datenverarbeitung oder zum verlustfreien Stromtransport genutzt werden. Jahrelang hat die Jülicher Physikerin Dr. Astrid Schneidewind gemeinsam mit ihren Kollegen versucht, Abweichungen im Streumuster von Neutronen zu verstehen, die es eigentlich gar nicht geben dürfte. Am Ende stießen sie an die Grenzen eines über 90 Jahre alten Eckpfeilers der Physik: die Born-Oppenheimer-Näherung. Die Annahme aus dem Jahr 1927 wird heute unter anderem standardmäßig genutzt, um die Berechnung von Mehrteilchen-Systemen zu vereinfachen. Die Näherung geht davon aus, dass die Bewegungen der Atomkerne und Elektronen in Festkörpern getrennt betrachtet werden können, weil sich die Teilchen sehr stark in ihrer Masse unterscheiden. Zum Vergleich: Wenn ein Elektron so groß wäre wie ein Sandkorn, dann besäße ein Atomkern, beispielsweise von Eisen, die Dimensionen eines Medizinballs – entsprechend langsamer und träger wäre er unterwegs.
Lange nur wenige Ausnahmen bekannt
Schon in den 1980er-Jahren fanden Forscher Materialien, für die diese
Näherung nicht gilt. Bei denen also, um im Bild zu bleiben, das träge
Treiben der Medizinbälle sehr wohl einen Einfluss auf die deutlich
schneller herumwirbelnden Sandkörner hat. "Bis jetzt ging man aber davon aus, dass es sich bei diesen
Materialien um absolute Ausnahmen handelt, die sich gut erklären
lassen", so Schneidewind. "Es sind Spezialfälle, bei denen
Gitterschwingungen der Atomkerne, sogenannte Phononen, die gleichen
Energiewerte aufweisen wie die möglichen Energieänderungen der
Elektronen in der Hülle."
Zufällige Entdeckung
Bei der Verbindung mit der Bezeichnung CeAuAl3 jedoch fanden die
Forscher etwas Überraschendes – unerwartete Energiezustände von
Elektronen und Phononen. Die Entdeckung verdanken die Wissenschaftler
etwas dem Glück: Schneidewind, zuständig für das Dreiachsenspektrometer
PANDA am Garchinger Heinz Maier-Leibnitz-Zentrum, benötigte eine Probe
für einen Praktikumsversuch mit Neutronen. Gleichzeitig war es ihrem
Kollegen, TUM-Wissenschaftler Christian Franz, gelungen, zum ersten Mal
einen großen Kristall dieser Verbindung zu züchten. Verschiedene
Forscher hatten die Substanz in Pulverform schon untersucht, aber keine
Auffälligkeiten festgestellt. Motiviert durch Untersuchungen an ähnlichen Substanzen, doch ohne große
Erwartungen ließ die Physikerin den Kristall kurzerhand für den
Praktikumsversuch über Nacht in das PANDA-Spektrometer stellen. Umso
größer war die Überraschung, als Schneidewinds Kollege Dr. Petr Čermák,
damals Postdoktorand am Forschungszentrum Jülich und Co-Verantwortlicher
an PANDA, mit den Studenten am nächsten Morgen auf die Messergebnisse
blickte: Es waren Kopplungen zwischen den Bewegungen der Atomkerne und
den Elektronen zu sehen, die es laut der Born-Oppenheimer-Näherung nicht
geben dürfte. Umfangreiche Messungen des Teams bestätigten die ersten
Ergebnisse: die Wechselwirkung zwischen Gitterschwingungen und
Elektronen führt zu neuen Energiezuständen der Elektronen, obwohl nicht
alle beteiligten Phononen und Elektronen auf demselben Energieniveau
liegen, wie bei allen anderen Spezialfällen zuvor.
Anwendungen für Datenverarbeitung und Supraleitung
"Wir haben nun erstmals nachgewiesen, dass es solche Kopplungen
zwischen den Elektronen und ihren Atomkernen in Festkörpern in sehr viel
mehr Materialien geben muss als bisher angenommen“, sagt Christian
Pfleiderer, Christian Pfleiderer, Professor für Topologie korrelierter
Systeme an der TUM, der mit den Kollegen an der Deutung der
Messergebnisse gearbeitet hat. „Gleichzeitig eröffnet dies eine große
Breite von möglichen Formen elektronischer Ordnung und Funktionalitäten,
die durch solche Kopplungen entstehen." "Diese ungeahnte Kopplung zwischen Atomkern und -hülle eröffnet viele
mögliche Anwendungen, unter anderem für die Datenverarbeitung", sagt
Dr. Petr Čermák, jetzt Wissenschaftler an der Karls-Universität Prag.
Auch für das Verständnis der Supraleitung versprechen die Materialien
wichtig zu werden.