Schneller rechnen mit Quasi-Teilchen
Schema eines zweidimensionalen Josephson-Kontakts: Zwischen zwei Supraleitern S (grau) befindet sich ein normal leitendes zwei-dimensionales Elektronengas. Legt man dort ein Magnetfeld an, kann man Majorana-Fermionen am Ende des Kontakts erwarten. (Bild: Ewelina Hankiewicz)
Auf dem Weg zu topologischen Quantencomputern ist Physikern der Universität Würzburg ein wichtiger Fortschritt gelungen. In der renommierten Fachzeitschrift Nature stellen sie jetzt ihre Ergebnisse vor.
Majorana-Teilchen sind äußerst spezielle Mitglieder in der Familie der Elementarteilchen. 1937 vom italienischen Physiker Ettore Majorana vorhergesagt, gehören sie wie Elektronen, Neutronen und Protonen zur Gruppe der sogenannten Fermionen. Sie sind elektrisch neutral – und zudem identisch mit ihren Antiteilchen. Die exotischen Teilchen können beispielsweise als Quasi-Teilchen in topologischen Supraleitern auftreten und bilden damit ideale Bausteine für topologische Quantencomputer.
Sprung in die Zweidimensionalität
Auf
dem Weg zu solch einem topologischen Quantencomputer, der mit
Majorana-Teilchen arbeitet, haben Physiker der
Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) gemeinsam mit Kollegen
der Harvard University (USA) jetzt einen Erfolg erzielt: Während
bisherige Experimente auf diesem Gebiet bisher im eindimensionalen Raum
stattfanden, ist ihnen der Sprung in die Zweidimensionalität gelungen.
Daran
beteiligt waren Arbeitsgruppen der Würzburger Professoren Ewelina
Hankiewicz, Lehrstuhl für Theoretische Physik IV, und Laurens Molenkamp,
Inhaber des Lehrstuhls für Experimentelle Physik III, sowie die Teams
von Amir Yacoby und Bertrand Halperin der Harvard University. In der
aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift Nature stellen die Physiker die Ergebnisse ihrer Arbeiten vor.
Zwei Supraleiter verringern den Aufwand
„Die
Realisierung von Majorana-Fermionen ist eines der aktuellsten Themen
der Festkörperphysik“, erklärt Ewelina Hankiewicz. Bisherige
Realisierungen beschränken sich ihren Worten nach allerdings meist auf
ein-dimensionale Systeme wie beispielsweise Nanodrähte. Das erschwert
die Manipulation dieser Teilchen und erhöht den Aufwand enorm, wenn sie
als Informationsträger in Quantencomputern zum Einsatz kommen sollen, so
die Physikerin.
Um einige dieser Schwierigkeiten
zu umgehen, haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jetzt
Majorana-Fermionen in einem zwei-dimensionalen System mit starker
Spin-Bahn-Wechselwirkung untersucht. „Bei diesem System handelt es sich
um einen sogenannten phasen-kontrollierten Josephson-Kontakt, das heißt,
zwei Supraleiter, die durch eine normal leitende Region voneinander
getrennt sind“, erkärt Laurens Molenkamp. Die supraleitende
Phasendifferenz zwischen den beiden Supraleitern biete dabei einen
zusätzlichen Parameter, durch den die aufwändige Feinabstimmung anderer
Systemparameter zumindest teilweise vermieden werden könne.
Wichtiger Schritt zu einer verbesserten Kontrolle
In
dem von ihnen verwendeten Material, einem
Quecksilber-Tellurium-Quantentrog mit dünnen supraleitenden
Aluminium-Schichten, sahen die Physiker erstmals einen topologischen
Phasenübergang, was für die Existenz von Majorana-Fermionen in
phasen-kontrollierten Josephson-Kontakten spricht. Dementsprechend
stelle das von ihnen experimentell realisierte System eine vielseitige
Plattform zur Erzeugung, Manipulation und Kontrolle von
Majorana-Fermionen dar, die einige Vorteile gegenüber bisherigen
ein-dimensionalen Plattformen aufweist. Dies bedeute „einen wichtigen
Schritt auf dem Weg zu einer verbesserten Kontrolle von
Majorana-Fermionen“, so Hankiewicz.
Der Nachweis
eines topologischen Supraleiters in einem zwei-dimensionalen
Josephson-Kontakt eröffnet nun neue Möglichkeiten für die Erforschung
von Majorana-Fermionen in der Festkörperphysik. Insbesondere werden
einige Einschränkungen bisheriger Realisierungen von Majorana-Fermionen
vermieden.
Potenzial für eine Revolution der Computertechnologie
Gleichzeitig
stellt eine verbesserte Kontrolle von Majorana-Fermionen einen
wichtigen Schritt in Richtung topologischer Quantencomputer dar. Solche
Computer sind theoretisch sehr viel leistungsfähiger als klassische
Rechner und haben so das Potenzial, die Computertechnologie zu
revolutionieren.
In einem nächsten Schritt wollen
die Physikerinnen und Physiker nun die Josephson-Kontakte verbessern
und mit dünneren, normal leitenden Regionen herzustellen versuchen, da
sie davon stärker lokalisierte Majorana-Fermionen erwarten. Daneben
suchen sie nach weiteren Möglichkeiten zur Manipulation der
Majorana-Fermionen, beispielsweise durch die Verwendung anderer
Halbleiter-Materialien.