Trennmittelfrei: ReleasePLAS®-Technologie ersetzt Silikonbeschichtung beim Wachsspritzguss
© Fraunhofer IFAM ReleasePLAS®-Technologie: Trennmittelfreier Wachsspritzguss durch Einsatz einer plasmapolymeren Trennschicht
Mit dem Wachsspritzgussverfahren werden schnell und unkompliziert Modelle für den Feinguss hergestellt. Für eine zerstörungsfreie Entformung der Wachslinge müssen bislang silikonbasierte Trennmittel eingesetzt werden, die mit erheblichen Nachteilen für Mensch und Produkt einhergehen. In einem AiF geförderten Projekt ist es Entwicklern des Fraunhofer IFAM gelungen ein trennmittelfreies Trennschichtsystem zu entwickeln, das eine nachhaltige Permanentbeschichtung auf dem Werkzeug ermöglicht. Die sogenannte ReleasePLAS®-Technologie bietet neben technischen ebenso wirtschaftliche Vorteile und wird auf der GIFA 2019 (Halle 13, Stand A34) vorgestellt. Das Feingussverfahren wird eingesetzt, wenn filigrane Strukturen oder besonders hochwertige Oberflächen beim herzustellenden Gussbauteil gefordert sind. Das dafür benötigte Positivmodell wird in der Regel im Wachsspritzguss hergestellt. Hierbei kommen Formen und Formeinsätze aus Aluminiumlegierungen, Stahl und Messing zum Einsatz. Zur Abformung der Modelle wird flüssiges oder pastöses Wachs in die Kavität der Metallform eingespritzt. Nach der Verfestigung des Wachses wird die Form geöffnet und das Modell, der sogenannte »Wachsling«, entformt. Dieses Verfahren ist schnell, kostengünstig, etabliert und für die Serienfertigung geeignet. Allerdings müssen zur Unterstützung des Entformungsprozesses Trennmittel, typischerweise in Form von Silikonsprays, eingesetzt werden. Ohne den Einsatz von Trennmitteln ist eine vollständige und zerstörungsfreie Entformung des Wachsmodells aus dem Formwerkzeug nach dem Stand der Technik nicht möglich. Bei Verwendung von Trennmitteln kommt es jedoch beim Entformungsvorgang zum Übertrag des Trennmittels auf die Oberfläche des Wachsmodells, als auch zur Bildung des sogenannten Formenaufbaus, einem Belag aus Trennmittel und Wachs. Mit der Verwendung von Trennmitteln sind weitere Nachteile verbunden: Turnusmäßige Kosten für Reinigung der Spritzgusswerkzeuge, die Freisetzung von Silikon-Aerosolen, Kosten für das Abwaschen der Silikonanhaftungen von den Wachslingen sowie Qualitätsmängel in der Oberfläche der keramischen Schalen.
Trennmittelfreier Wachsspritzguss durch Einsatz einer plasmapolymeren Trennschicht
Der Wunsch nach einem trennmittelfreien Prozess zur Abformung der
Wachslinge besteht seitens der Feingussbetriebe seit Jahrzehnten. Zur
Überwindung der oben genannten technischen und wirtschaftlichen
Nachteile wurde in dem von der AiF geförderten Projekt 18915N der Ersatz
der Trennmittel durch eine vom Fraunhofer IFAM entwickelte
plasmapolymere ReleasePLAS®-Trennschicht erforscht.
Die eingesetzte Funktionsschicht auf den Spritzgießwerkzeugen wurde
mittels einer plasmagestützten chemischen Gasphasenabscheidung (PECVD)
erzeugt. Zuvor wurden die Spritzgießformen sorgfältig gereinigt und vor
dem Beschichtungsprozess in einzelne Segmente zerlegt in der
Plasmakammer angeordnet, sodass alle zu beschichtenden Oberflächen
freilagen.
Wissenschaftliche Ergebnisse führen zur sicheren Prozessentwicklung
Zur Lösung der Aufgabenstellung war es notwendig sich eingehend mit
dem Erstarrungs- und den Grenzflächenverhalten von Modellwachsen
auseinander zu setzen. Ein Ergebnis war, dass der sogenannte
Adhäsionspunkt unbedingt beim Trennvorgang zu unterschreiten ist. Der
Wachs-Adhäsionspunkt ist die Temperatur, ab der das Wachs anfängt an der
Oberfläche anzuhaften. Es entsteht ein sichtbarer Rückstand, die
Ablösekraft steigt spürbar an. Der
Adhäsionspunkt ist nicht mit dem
Schmelzpunkt oder Tropfpunkt zu verwechseln. Der Schmelzpunkt/Tropfpunkt
ist die Temperatur ab der sich das Wachs verflüssigt und liegt in der
Regel deutlich über dem Adhäsionspunkt.
Für einen dauerhaft erfolgreichen Trennvorgang ist es zudem
notwendig, dass die Grenzfläche zwischen Plasmabeschichtung und dem
Wachs stabil ist. Jedes Material verändert seine Zusammensetzung oder
sein Vernetzungsverhalten, wenn es im Kontakt mit einer Oberfläche
erstarrt. Dieser Bereich wird als Interphase bezeichnet und kann
unterschiedliche Schichtdicken, von wenigen Nanometern bis hin zu
Mikrometern, bilden.
Aus diesem Grund untersuchten die Wissenschaftler des Fraunhofer IFAM
u.a. die mechanischen Eigenschaften dieser Interphase. Dazu wird das
Verfahren der Nanoindentation eingesetzt. Durch die systematische
Anpassung der Prüfkörper an die Messaufgabe gelingt es das E-Modul
grenzflächennah (innerhalb der oberen 50 nm) zu bestimmen und die Wachse
voneinander zu unterscheiden. Tendenziell sind Wachse mit kleinem
Oberflächen-E-Modul weniger gut für das trockene Trennen geeignet, da
die Interphase eine geringere mechanische Festigkeit aufweist. Somit
werden dem Anwender mit dem Adhäsionspunkt und dem Oberflächen-E-Modul
zwei neue Kriterien an die Hand gegeben, um das Wachsspritzgussverfahren
trenngerecht zu führen und Modellwachse zu differenzieren.
Aufgrund der Erkenntnisse, der Verfahrensführung und der Eigenschaften der ReleasePLAS®
-Beschichtung ist es gelungen, eine praxisgerechte
Permanentbeschichtung für den Wachsspritzguss zu entwickeln. Die
Untersuchungen der durch diesen Prozess hergestellten Trennschicht
zeigten eine exzellente Haftung auf der metallischen Form, hohe
Kohäsionsfestigkeit und niedrige Oberflächenenergie. Die Beschichtung
hat durch die geringe Schichtdicke von ≤ 2 μm keinen Einfluss auf die
Maßhaltigkeit der Spritzgießformen. Dies ermöglicht es, die ReleasePLAS®-Trennschicht sowohl auf neue, als auch auf vorhandene Spritzgießwerkzeuge aufzutragen.
Neben dem wichtigen Arbeitsschutz für die Mitarbeitenden, die
zukünftig keinen Schad- und Fremdstoffen durch Aerosole ausgesetzt sein
müssen,
ergeben sich weitere Vorteile: Die Stillstandzeiten durch
Wartung und Reinigung an den Werkzeugen der Spitzgießanlagen werden
minimiert und Trenn- sowie Reinigungsmittel eingespart. Das Säubern der
Wachsteile entfällt. Benetzungsprobleme beim Auftrag der primären
Keramikschale treten nicht auf. Die Oberflächenqualität wird verbessert
und Ausschuss verringert.
Projektergebnisse und Ausblick
ReleasePLAS® -Beschichtungen ermöglichen eine industriell
anwendbare Permanentbeschichtung für den Wachsspritzgießprozess.
Innerhalb des AiF geförderten Projektes wurde diese Beschichtung nicht
nur am Fraunhofer IFAM in Laborversuchen, sondern zusätzlich unter
industriellen Bedingungen bei Feingießern erfolgreich an mehreren
Spritzgießformen getestet. Die Bandbreite der genutzten
Spritzgießwerkzeuge (Handformen und Automatenwerkzeuge) reichte dabei
von einfachen bis hin zu hoch komplexen Geometrien mit Losteilen und
hydraulischen Schiebern mit unterschiedlichstem Bedarf an Trennmittel.
Im Rahmen der Projektlaufzeit hat ein Feingießer bereits über 40 000
Wachsteile mit einer Spritzgießform (Geometrie Turboladerrädchen)
komplett trennmittelfrei gefertigt, ohne eine Abnutzungserscheinung an
der Trennschicht festzustellen.
Um die klaren Vorteile der plasmapolymeren Trennschicht in den
Feingießereien im vollen Umfang wirtschaftlich nutzbar zu machen, werden
weitere Untersuchungen in Folgeprojekten angestrebt. Insbesondere
sollen nachgelagerte Prozesse im Anschluss der Wachsmodellherstellung
beleuchtet werden, um somit den wirtschaftlichen Nutzen für die
Feingussbetriebe noch deutlicher zu machen und quantifizieren zu können.
Untersuchte Prozessparameter könnten die Benetzbarkeit der Wachslinge
ohne Vorreinigung beim Aufbringen der primären Keramikschale, die
gezielte Verbesserung der Benetzbarkeit der Wachslinge durch
Plasmaaktivierung sowie Langzeitversuche zum Beweis der prognostizierten
und von Gießern geforderten Lebenszeitstandzeit der Plasmatrennschicht
(> 500.000 Entformungen) sein.
Förderung
Förderkennzeichen: Das Projekt wurde gefördert durch das BMWi und als
AiF-IGF-Vorhaben mit der Nr. 18915 N/1 in der Forschungsvereinigung
Gießereitechnik durchgeführt.